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Stille Trauer

Sonnabend, 25.3.2016

Es ist still hier.Totenstille. Der Garten ruht einsam und verlassen. Ich blicke in den Himmel. Ob Diana wohl zu mir runterschaut? Was hatten wir hier für schöne Zeiten, mit fröhlichem Kindergelächter, mit ausgelassenem Toben über den Rasen, Schnüffeln in den Beeten und Jagen nach einer Frisbeescheibe. Mit Tammy habe ich Fußball gespielt, mit Leonie bin ich um die Häuser gezogen und Emily hat mich mit Liebkosungen und Leckerlis verwöhnt. Der Garten war meine Spielwiese, ein Hort des Glücks.

Die Mädels sind ausgeflogen, zu Besuch bei ihren Verwandten im Sauerland. Alles ist so ruhg, so verdammt still. Das Schweigen bedrückt mich, ich trotte lustlos an den Beeten entlang, schnuppere an der Hortensie, die Ina zusammen mit ihrer Freundin geplanzt hat und die jetzt üppig sprießt. Unter einem Busch finde ich den Fußball, mit dem Tammy und ich im letzten Sommer mit wachsender Begeisterung getrippelt haben. Das Tor ist abgebaut und ohne sie bringt das Fussball spielen sowieso keiinen Spaß. Ich komme am Strandkorb vorbei, der mit einer Abdeckplane verhüllt ist. Erinnerungen blitzen auf. Hier haben Ina und Diana gesessen, Kaffee getrunken und endlos lange Gespräche geführt. Ich habe zu ihren Füßen gelegen, ihnen zugeschaut, Wasser geschleckt und Kekse genascht, die Dianchen mir klammheimlich zugesteckt hat. Was war das doch für eine glückliche, sorglose Zeit.

Andreas und Noel sind allein zurückgeblieben. Er steht an der Terrassentür, den Kater auf dem Arm. Sanft streicht er Noel übers Fell, der schnurrt zufrieden. Solange der Schnurrer im Haus ist, darf ich nicht rein. Es könnte ja zu einer Katzenjagd kommen. Andreas setzt die Siamkatze auf den Boden und gesellt sich zu uns nach draußen. Die Zweibeiner trinken Kaffee und essen Kuchen, während ich unter dem Gartentisch verweile und zu dem Kater hinüberlinse, der mich an der Fensterscheibe belauert. Langsam robbe ich mich ran, wir stehen vis-a-vis und beäugen uns misstrauisch. Um mich lieb Kind zu machen, wedele ich mit meinem Schwanz. Noel`s Schwanz peitscht aufs Parkett, bevor er auf einen Stuhl springt und mich von oben her mustert. Er nimnmt eine Kampfposition ein, ich verziehe mich. Ina greift nach meinem Frisbee und wirft ihn über den Rasen. Ich bin froh über die Ablenkung und wetze hinterher, sammele das Wurfgeschoss auf und kaue gelangweilt darauf rum. Irgendwie habe ich heute keine Lust zum Spiel. Die Trauer um Diana, die Trauer über den Verlust der Fröhlichkeit, der Kummer über vergangene Tage, die nie zurückkehren, übermannt mich. Ich wimmere. Jaul, winsel. "Was hat Elvis denn?", Andreas schaut mein Frauchen fragend an. "Das weiß ich nicht nicht. Vermutlich spürt er unsere Trauer und leidet mit uns." Richtig, so ist es. Fiep, fieeeep. Ich leide mit den Zweibeinern mit.

Noch schlimmer ist es, als wir auf den Friedhof gehen. Diana liegt unter einem Baum, Sonenlicht fällt auf ihren Grabstein. Ich blicke in die steinernen Mienen von Andreas und Ina, die nur mit Mühe ihre Tränen zurückhalten können. Ich lege mich auf den Rasen, spüre die Aura von Diana, fühle ihre Nähe, kann jedoch weder ihre Hand lecken, noch mich an sie ranschmiegen. Nie wieder. Ein leises Wimmern entfährt meiner Kehle, wir vermissen sie so sehr. Andreas und Ina stellen Blumenschalen vor den Grabstein. Ich leide mit ihnen, nehme ihre stummen Zwiegespräche wahr, lecke Ina zum Trost über den Handrücken. "Hier bin ich, ich lebe, kümmere dich um mich!" Das musste mal gesagt werden, bevor sie ganz in ihren Kummer versinkt. Ich kann sowieso nicht verstehen, warum die Menschen so an der Vergangenheit hängen. Wir Hunde ticken da ganz anders. Wir leben im Hier und Jetzt. Genau! Und im Hier und Jetzt möchte ich diesen Ort der Trauer verlassen und mein Leben genießen. Mein stilles Flehen erreicht Inas Herz und wir kehren dem Friedhof den Rücken zu.

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