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Die Hundeflüsterin

Mittwoch, 30.3.2016

Sie schaut mich mit ihren blassblauen Augen an, ich schmelze dahin. Ihr Blick geht direkt in meine Seele, ich spüre die tiefe Trauer um ihr Meerschweinchen, das letzte Woche gestorben ist, spüre ihre Naturverbundenheit, ihre Liebe zu den Pflanzen, den Lebewesen, den Menschen und insbesondere zu mir. Letzteres schmeichelt mir. Saphira ist erst zwölf Jahre alt und doch so weise.

Sie wuschelt genau an der Stelle hinter meinem Ohr, wo es mir am besten gefällt. Grunz, gruuuuunz. Ich schmiege mich ganz eng an sie. Ein Kavalier genießt und schweigt.

"Hallo Elvis, mein Schatz. Magst du Hundekuchen?" Natürlich. Ich liebe Hundekuchen. Überhaupt, es gibt kaum etwas, was ich nicht mag. Fischköpfe z.B., insbesondere vom Butt oder diese künstlich geformten Knochen aus Rinderhaut. Wenn ich daran denke, muss ich mich schütteln. Saphira greift nach einer Tüte, der berauschende Duft nach frischem Gebäck steigt in meine Nase. Das Wasser läuft mir im Maul zusammen, die Kleine weiß, wie man mich becirct. "Give me five!", ertönt aus ihrem Mund. Give me five? Wozu denn? Sie neigt sich zu mir runter und hält mit ihre Hand entgegen. Gutmütig schlage ich ein und erhalte ein selbstgebackenes Plätzchen. Boah, das ist lecker. "Na schmeckt`s?", sie schaut mich fragend an. Dankbar lege ich meine Pfote in ihre Hand und werde wieder mit einem Keks belohnt. Meinetwegen kann das ewig so weitergehen. Mein Wunsch geht in Erfüllung. Fast.

Erst heisst es, die endlos langen Gespräche und die schmatzenden Geräusche an der Kaffeetafel zu erdulden. Sapiras Mutter Viola hat selbstgemachte Scoones mitgebracht, wovon so ein hungriger Hund wie ich mal wieder nichts abbekommt. Saphira schleckt genüsslich ihr Vanilleeis. Ich will auch eins! Im Sommer bekomme ich immer Wassereis mit Erdbeeren oder Heidelbeeren. Nur bei dem Gedanken daran läuft mir das Wasser im Maul zusammen. Unbeirrt nascht Saphira an ihrem Eisbecher. Selbst meine kleine Hundeversteherin kennt keine Gnade, wenn`s ums Fressen geht. Ich bin enttäuscht, sie könnte ihren Seelenfreund wenigstens mal probieren lassen. Erst als sie ihre Eisportion genüsslich verdrückt hat, rücke ich wieder in den Mittelpunkt ihres Interesses. Für ihre Plätzchen gebe ich alles. Ich rolle nach links, bekomme einen Soja-Dinkelkeks. Ich rolle nach rechts, erhalte einen Lecker-Kräcker. Rolle rechts-Keks, Rolle links-Keks, Rolle rechts-Keks, Rolle links-Keks, ich gerate in einen Keks-Rolle-Rausch. Pause. Puh! Ich  hechele, bin völlig außer Puste. Doch meine kleine Hundeflüsterin lässt mich nicht zu Ruhe kommen, denkt sich etwas anderes aus, um mich zu beschäftigen. Ich laufe im Zickzack durch ihre Beine. Meine Haare kitzeln ihre Unterschenkel, sie  bricht in ein herzhaftes Lachen aus und bietet mir ein Herzchenkeks an. Beim "Männchen-machen" werde ich mit einem Sonnenkeks beschenkt. Also so läuft das hier: ohne Fleiß kein Preis!

Es regnet in Strömen, so sind wir darauf angewiesen, im Wohnzimmer unsere Zeit zu vertrödeln. Meine süße Hundeflüsterin steckt voller Ideen, wie sie mich bespaßen kann. Sie baut drei Becher vor mir auf, versteckt unter einem ein Leckerli und bewegt die Becher hin und her. "Such, Elvis, such!", fordert sie mich auf. Nichts einfacher als das. Ein Hieb mit der Pfote, die Behälter kippen um und ich schnappe mir den Leckerbissen. "Elvis, du kleiner Rabauke. So nicht!", ihre Stimme klingt enttäuscht. Sie startet einen weiteren Versuch, ich beobachte das Geschehen mit Argusaugen. Die Becher tanzen auf dem Parkett, mein Kopf kreist mit. Als sie innehält, stupse ich alle Plastikbecher auf einmal um, der Keks liegt frei und verschwindet sofort in meinem Magen. Ich fahre mit meiner Zunge über mein Maul. Mhhh, delikat! Wo bleibt der nächste? Erwartungsvoll blicke ich sie an. Das Spiel gefällt ihr nicht, sie ist unzufrieden mit mir, irgendetwas mache ich anscheinend falsch, sie gibt jedoch nicht auf. Sie stellt die Becher vor meine Nase, legt eine Leckerei darunter, schiebt den Behälter mit dem Naschi vor und zurück, hin und her. Ich verfolge jede ihrer Bewegungen und als sie den Suchbefehl erteilt, mache ich mir nicht die Mühe, alle Kelche umzuwerfen, sondern wähle nur den aus, unter dem meine Belohnung liegt und verdrücke sie genüsslich. Ungläubig schaut Saphira mich an:" Elvis, mein Liebling. Du hast es kapiert! Was bist du doch für ein schlaues Kerlchen!" Fröhlich nimmt sie mich in ihre Arme und drückt mich fest. Ich fühle mich geschmeichelt. Das ist also ihr Begehr: ich soll nur den Becher mit dem Leckerli umschmeißen. Eins meiner leichtesten Übungen! Dierse Übung wird bald zu meiner Lieblingsbeschäftigung, weil sie immer mit einem Hundekeks endet.

Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor und Saphira, ihr Vater Reiner, Ina und ich brechen zu einem Spaziergang auf. Auf der Hundewiese tobe ich  mich so richtig aus, springe an meiner Sportkameradin hoch, um das Stöckchen zu ergattern, das sie kurz darauf in die Höhe schmettert. Ich wetze hinterher und noch bevor der Ast zu Boden fällt, fange ich ihn aus der Luft, trage meine Beute an die Hecke und knabbere lustvoll darauf rum. Das "Bring, Elvis, bring" aus Saphiras Mund, ignore ich dabei geflissentlich. Ein weiterer Stock wirbelt durch die Lüfte. Das kann ich mit nicht entgehen lassen, ich haste hinterher und sammele ihn vom Rasen. Als ich mit meiner Beute hinter dem Reitstall verschwinden will, nimmt ihn meine Spielpartnerin weg und schleudert ihn in die Unendlichkeit des Raumes. Ich wetze hinterher, springe hoch hinauf und erwische das Flugobjekt noch vor dem Aufprall. Ich bin so stolz auf meine Fangkünste, dass ich meinem begeisterten Publikum den Flugkörper präsentiere und ihn als Gescheink Sapihra zu Füßen lege. Sie wuschelt über meinen Nacken. " Das hast du fein gemacht, mein Süßer!" Ich verzeihe ihr das "Süßer", denn schon kurz darauf fliegt der Stock wieder über die Wiese und ich, vom Ehrgeiz getrieben, gebe alles, um ihn in der Luft zu fangen, was mir auch gelingt. Das Fangspiel geht weiter, bis ich völlig erschöpft den Rückweg antrete. Ich brauche unbedingt etwas Ruhe, muss dringend in mein Hundebett. Ich bin so müde, dass ich selbst an den Pferden, die ans Gatter kommen, um mich zu begrüßen, kein Interesse habe und unbeirrt weiterlaufe. Und das will was heißen! Schließlich bin ich Pferdeliebhaber!

 


 

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