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Überraschungsei

Ostersonntag, 27.3.2016

Ja, es ist kalt. Ja, es weht ein eisiger Wind. Aber die Sonne scheint...Gähn. Micky und Ina sind in eine endlos lange Grundsatzdiskussion über das "Für und Wider" einer Fahrradtour verstrickt und nehmen keine Notiz von mir. Dabei hätte ich da noch ein Wörtchen mitzureden. Schließlich wollen sie mich ja mitnehmen. Ich würde lieber auf Ostereiersuche gehen, anstatt neben einem Fahrrad herzulaufen.

Plötzlich wird es ruhig, die beiden ziehen sich ihre Jacken über, setzen sich ihre Mützen auf und holen ihre neuen E-Bikes aus dem Schuppen. Micky nimmt mich an die Leine, schwingt seinen Hintern auf den Sattel und radelt los. Ich renne vorweg, zerre an der Leine. "Schritt, Elvis, S c h r i t t!" Micky ruckt an meiner roten Retrieverleine und fährt weiter. Ich laufe ein paar Schritte neben ihm, das Vorderrad rückt immer näher, verfolgt mich regelrecht. Ich bekomme es mit der Angst zu tun, presche nach vorn. "Elvis hier! Kommst du mal hierher!" Ich zucke zusammen, rühre mich nicht von der Stelle. Schon jetzt weiss ich, Radsport ist ein Sport, der mir nicht gefällt. "Elvis, so wird das nichts," genervt steigt Micky von seinem Rad. Ich nehme mir eine Auszeit, untersuche das Gefährt, stecke meine Nase zwischen die Speichen, schüffele am Lenkrad. Obwohl schnell und kräftig, scheint es nicht gefährlich zu sein. Jetzt schiebt Micky das Fahrrad und ich trotte an seiner Seite. Mutig starten wir einen zweiten Versuch, ganz langsam tritt Micky die Pedale und ich laufe gleichmäßig nebenher. Ich achte auf jeden Tritt in die Pedale, passe mich dem Tempo an. Kein Rucken, kein Zerren mit der Leine, Micky, sein Fahrrad und ich bilden ein perfektes Team.

Ich drehe meinen Kopf, blicke zurück auf Ina, die langsam hinter uns herradelt. Sofort geht die Leine auf Spannung und zieht mich mit sich. Beinahe wäre ich unter die Räder gekommen. Ich konzentriere mich wieder auf Mickys Tritt, wie ein perfektes Radprofiteam bewegen wir uns über den Kurfürstendamm und ernten bewundernde Blicke der Zuschauern am Gartenzaun. 

Am Ende der Straße hält Micky an und steigt vom Fahrrad. Ich bin völlig außer Puste, diese neue Sportart ist nichts für mich, viel zu anstrengend! Außerdem hasse ich es, an der Leine zu gehen und an der Leine Fahrrad zu fahren hasse ich noch mehr. Was haben sich meine Herrschaften nur dabei gedacht. Anstatt mit mir über die Wiesen zu toben, laden sie mich zu dieser öden Fahrradtour ein. Pah!

Ina rast in wilder Fahrt auf auf uns zu, sie hat die Kontrolle über ihr Gefährt verloren, sie zieht die Handbremse, das Ungetüm steigt in die Höhe und wirft sie ab. Unsanft landet sie auf die Straße, schürft sich die Haut am Unterarm ab. Ich wußte es doch, dass E-Bikes gefährlich sind, besser ich halte mich fern von ihnen. Micky schimpft:" Muss ich jetzt auf euch beide aufpassen? Es ist schon anstrengend genug, auf Elvis aufzupassen und jetzt muss ich auch noch ein Auge auf dich werfen!" Er untersucht das Fahrrad und legt die Kette wieder ein, die beim Fall rausgesprungen ist. Keiner von uns hat Lust, die Fahrt fortzusetzen. So kehren wir um, mutig trabe ich neben Mickys Fahrrad her, wir biegen in die Zeltenallee ein, ich stoppe an der Kreuzung, wie ein Profi lasse ich die entgegenkommenden Autos passieren, trabe in die Wilhelmshöh und halte vor unserem Garten. Völlig verunsichert folgt uns Ina und schafft es diesmal problemlos, ihr E-Bike vor der Haustür abzustellen.

"Elvis, mein Liebling, das hast du ganz toll gemacht. Zur Belohnung gibt`s jetzt Ostereier. Sitz und warte!", verkündigt Ina gutgelaunt, füllt eine Schale mit Leckerlis und verteilt sie im Garten. Den Ostereierbrauch habe ich noch nie verstanden, wozu man Ostereier hinter Blumen, Pflanzen und Sträuchern versteckt, weiß der Himmel, aber wenn`s ums Fressen geht, dann bin ich dabei. Worin allerdings liegt der Sinn, dass Osterhäschen Ina Schmackos anstatt Ostereier zwischen Gräser und Blüten legt? Mir ist das egal, ich mag Eier genauso gern wie Hundedrops. Jeden ihrer Schritte verfolge ich mit Argusaugen. Ina ist emsig mit dem Versteckspiel beschäftigt, sot bemerkt sie nicht, dass ich ihr auf leisen Sohlen hinterherschleiche. Als ich das erste "Ei" herunterschlinge, verrät mich mein lautes Schmatzen. "Elvis, du Lümmel, auf deinen Platz!" Erbarmungslos schickt sie mich zurück, dann stolziert sie hochnotwichtig in Richtung Lieblings-Weidenbäumchen. Vorsichtig plaziert sie ein gekochtes Hühnerei unter die Zweige, die sie kurz vorher mit Plastikostereiern dekoriert hat. Das Verstecken der sogenannten Ostereier bringt ihr sehr viel Freude, mir weniger. Langsam werde ich ungeduldig und seufze herzergreifend. "Such, Elvis such!" Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ich habe mir die Verstecke genau gemerkt, die Leckereien schnell verschlungen. Zum Nachtisch habe ich mir das Hühnerei aufgespart, das ich jetzt genüßlich verdrücke. Zur Sicherheit streune ich nochmals durchs Beet, ich könnte ja etwas übersehen haben. Meinem hochentwickeltem Riechkolben entgeht nichts. Auch wenn ich den Sinn der Ostereiersuche nicht verstehe, so bringt es mir einen Heidenspaß.  

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