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Super-Spürnase

Sonntag, 1.2.2016

Ich stecke meine Nase vor die Haustür. Ein nasskalter Wind fegt um die Häuser, peitscht meine Ohren hoch und runter, wirbelt durch mein Fell. Nur ein hartgesottener Kerl wie ich traut sich bei diesem Orkan auf die Straße. Ich drehe meinen Kopf in Richtung Ina. Ja, es gibt Ausnahmen. Mein kleines, zierliches Frauchen trotzt dem Unwetter und folgt mir mutig auf meiner Abend-Gassirunde ums Eck. Sie zieht die Kaputze tief über ihr Gesicht, um sich vor dem Regen zu schützen.

Ich mache ein paar Schritte vorwärts, hocke mich vor einen Zaun und erledige mein Geschäft. Ina hält abrupt an, zieht sich ihre Handschuhe aus, hängt sie über den Zaun, greift in ihre Jackentasche, entnimmt einen Kotbeutel und entsorgt meine Hinterlassenschaft. Als sie nach ihren Handschuhen greift, greift sie ins Leere. Die Handschuhe sind fort, weggeweht. Die Straßenlaterne wirft nur ein müdes Schummerlicht auf den Gehsteig, der Rest liegt im Dunkeln. Verzweifelt beugt sich Ina über den Zaun und wühlt im Gebüsch. Gefühlt eine Stunde später rappelt sie sich wieder auf, ihr Gesicht ist rot angelaufen und endlich können wir unsere Tour fortsetzen.

Das alles ist gestern passiert.

Heute ist das Wetter nicht besser. Dafür ist es hell. Wir befinden uns auf unserem üblichen Sonntagsmorgenspaziergang durchs Dorf und legen die gleiche Strecke zurück wie am Vorabend. Wie langweilig! Um ein wenig Ablenkung zu belommen, schnüffele ich intensiv am Boden. Nanu. Was ist das denn für ein Geruch? Den kenne ich doch. Das ist Tabak! Am Straßenrand liegt ein Haufen Zigarettenkippen. Ich habe schon mal Zigaretten genascht, die hab ich zum Fressen gern. Direktement sprinte ich darauf zu und schwuppss-die-wuppsch landet die erste Kippe in meinem Maul. "Aus, Elvis,aus!" Wann immer ich meinen Spaß haben will, mischt sich Ina ein. Freiwillig rücke ich den Glimmstengel nicht wieder raus, lasse das Nikotin auf der Zunge zergehen. Aber ich habe die Rechnung ohne den Wirt -sprich Ina- gemacht. Beherzt greift sie in mein Maul und fischt die Fluppe wieder raus, bevor ich sie runterschlucken kann. Diesen Neid, diese Missgunst, hätte ich ihr gar micht zugetraut!

Als wir um die Ecke biegen steigt mir ein vertrauter Duft in die Nase. Etwas Flauschiges, Nasses, das stark nach Ina duftet, liegt vor mir auf der Straße. Meine Neugier ist geweckt, ich robbe darauf zu. Mein Frauchen ignoriert mich, sie ist viel zu sehr damit beschäftigt, in den Sträuchern nach ihren verlorenen Handschuhen zu suchen. Dabei liegen sie doch direkt vor ihrer Nase auf dem Gehweg, entdeckt von meinem einzigartigen Riecher! Ich nehme die Wollhandschuhe ins Maul und stoße meinen Blindfisch unsanft in die Seite, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. "Elvis, was hast du denn da in deiner Schnauze? Das sind ja meine Handwärmer! Was bist du doch für ein fantastischer Spürhund!" Glücklich drückt sie mich ganz fest an sich und setzt noch einen obendrauf:"Was täte ich nur ohne dich?" Stolz wie Oskar trabe ich weiter, immer mit meinem Superriecher vorweg, immer auf der Suche nach Gegenständen, die Ina verloren hat.

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